Die Lüneburger Oberschlaraffen begrüßen Ritter Dä-Kann-jet, der aus Mönchengladbach angereist ist.

 

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Ein Männerbund der besonderen Art

Von Anke Jaeger

Die Plastikrollen des schwarzen Trolleys scheppern über die Gehwegplatten. Gerade hat der kleine Mann mit den grauen Haaren den Koffer aus seinem großen Auto gehievt, das am Straßenrand parkt. Nun zieht er den klapprigen Koffer die Lüner Straße herunter. Weit ist sein Weg nicht, schon verschwindet er hinter der nächsten Ecke in einem dunklen Hinterhof. Dann ahne ich, dass ich ihn an diesem Abend nicht das letzte Mal gesehen habe.

Die Kollegen hatten mich gewarnt: Sie seien irgendwie skurril, diese Schlaraffen, sagte man mir. Jeden Dienstag in den Wintermonaten treffen sich die Männer, die eigentlich als Kaufmänner, Anwälte, Pastoren und ähnliches arbeiten, um in gemeinsamer Runde den Alltag für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Dann tauschen sie Anzug und Krawatte gegen einen Ritterumhang und fordern einander zu verbalen Duellen heraus. „Lulu“ (Kurzform für lustig lustig) wird hier zum Grußwort, statt „Prost“ ruft man(n) „Ehe!“.

 

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Ritter Spinn Acker hält Ausschau nach dem nächsten Gast, den es zu Begrüßen gilt.

Ich sitze an Tisch drei im zweiten Obergeschoss des Hauses Lüner Straße 4. Anspannung liegt in der Luft – verwegen schielt ein Schlaraffe nach dem anderen herüber, manche lächeln nervös. Eine Frau ist ein seltener Gast auf der Schlaraffischen Burg und eigentlich nur zu ausgewählten Anlässen eingeladen. Heute wird eine Ausnahme gemacht. 20 Uhr: Der Gong läutet – das Spiel beginnt. Wie ein Donnerschlag dröhnt das schlaraffische Abendlied aus den rund 30 Männerkehlen. Die ganz normalen Männern sind plötzlich zu Pilgern, Junkern und Rittern mit klangvollen Namen geworden. Sie sitzen an langen Holztafeln, von den Wänden hinter ihnen funkeln auf Celluloid gebannt die Augen und Orden all derer, die sich schon begeistern ließen vom Schlaraffischen Reych „Auf der Heide“. Knapp 40 Männer sind es, die hier regelmäßig gemeinsam singen, sarkastische Reden und Gegenreden schwingen, mit Worten und Ritualen spielen. Zu ihnen gehört auch Ritter Spinn Acker, der im wahren Leben Klaus Masch heißt und im Agrarhandel arbeitet. „Ab dem Gong spielen wir ein Spiel, man schaltet total ab, vom Profanen“, sagt Masch. Ein Freund habe ihn damals für die Schlaraffia begeistert, sagt er und deutet auf Ritter Berg-Fechs. Der ist heute aus Oldenburg zu Besuch gekommen und in Lüneburg ein gern gesehener Gast. Über 20 Jahre sei er nun schon Schlaraffe und habe immer noch nicht ganz verstanden, was hier passiere.

 

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Durch das Spalier der Schwerter müssen alle Ritter, die aus anderen Schlaraffen-Reychen zu Besuch gekommen sind. Auch Ritter Berg-Fechs tritt den Gang an.

Es waren Musiker, Künstler und Literaten, die den Männerbund der Schlaraffia 1859 in Prag gründeten. Sie konnten wenig anfangen mit dem aufgeblasenen Gehabe der Obrigkeiten und begannen deren Sprache und Jagd nach Orden und Anerkennung zu persiflieren. So gibt es in der Schlaraffia noch heute kleine Anstecker, Süßigkeiten oder Aufnäher als Anerkennung für etwaige Darbietungen, musikalischer oder gesprochener Art. „Die Pflege der Kunst und des Humors“ hat sich der Verein auf die Fahnen geschrieben, tabu waren seit je her diskriminierte Vorträge und jene über Politik oder Religion. Und daran halten sich mehr als 150 Jahre später über 10.000 Schlaraffen auf allen Kontinenten.

Ich bin kleiner geworden auf meinem Platz. Offiziell soll mich ein imaginärer Tarnumhang unsichtbar machen, tatsächlich war ich nie deutlicher zu sehen. Schon schiebt einer der Ritter ein Zettelchen zu mir herüber. „Lieber Freund ich rate Dir, zu einem Eyntritt an Tisch 4“ steht in altdeutschen Lettern darauf. „Die wollen, dass Sie an deren Tisch wechseln“, flüstert Ritter Spinn Acker, „aber Sie bleiben mal schön hier“. Ich muss schmunzeln. Der erste Teil der wöchentlichen Sippung, wie die Ritter ihre Treffen nennen, ist vorbei. Die Gäste wurden willkommen geheißen, Grüße ausgetauscht, Ehrungen vergeben. Nach einer Stärkung beginnt Teil zwei, der amüsantere Part, wie mir Ritter Berg-Fechs versichert.

 

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Zum Foto hat Stefan Brumder die Pilgermütze schon abgenommen. Er ist das erste Mal bei einer schlaraffischen Sippung dabei.

Eine Pause kann Stefan Brumder gut gebrauchen. Dem 55-Jährigen lappt die weiße Pilgermütze ins Gesicht, für ihn ist es die erste schlaraffische Sippung. „Spiele mag ich eigentlich nicht so“, sagt er und hat sich dennoch von einem Bekannten überzeugen lassen, bei der 1.358 Sippung in Lüneburg dabei zu sein. „Zunächst war ich etwas skeptisch aber jetzt finde ich es ganz nett“, sagt der Lüneburger. Er wolle wiederkommen verspricht er, und wer weiß, vielleicht steht eine Karriere als ehrenhafter Ritter kurz bevor.

Die, die schon seit Jahren dabei sind, lockern ihre Zungen und stimmen ihre Instrumente. Jetzt ist die Zeit des Fechsens gekommen: Aus dem HSV wird – selbstverständlich – der Hallesche Schlachtverein, aus dem dann ein Sportverein hervor ging. Sie diskutieren, ob die herkömmlich als „Auto“ bekannte Maschine, als Bezinross oder vielmehr als Stinkross zu bezeichnen ist und ziehen über das Altern und Ergrauen her. Ritter Dä-Kann-jet ist ein Meister im Redenschwingen. Das verraten die hunderten Goldanhänger und Abzeichen, die seine Rüstung zieren. Beruflich sei er viel in der Welt unterwegs gewesen. Da lohnte sich manch ein Umweg über Thailand oder Japan um auch dort an den schlaraffischen Spielen teilzunehmen. „Lieber mit Freunden sippen, als mit Fremden saufen“, sagt Ritter Dä-Kann-jet, „egal neben wem man sitzt, man ist überall zu Hause“.

Drei Stunden sind vergangen. Ich mache die letzten Fotos des Abend, notiere mir noch zwei Zeilen. Während die Schlaraffen singen „Bis zum letzten Atemzug, lasst uns Schlaraffen bleiben“, stapeln sich in meinem Kopf die Eindrücke. Es sind Bilder von Freundschaft, Gemeinschaft, Heiterkeit und ein bisschen Wahnsinn, die mich in den kommenden Tagen nicht mehr loslassen werden. Dann ist das ritterliche Spiel zu Ende. Einer nach dem anderen greift in die Reihe der geparkten Rollkoffer um darin den Ritterumhang fein säuberlich zu verstauen. Minuten später sind es ganz normale Männer, die ihre Trolleys die Lüner Straße hinunter ziehen.

 

http://www.landeszeitung.de/blog/aktuelles/148398-luener-strasse

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