Landeszeitung

Ein Abend im Uhu-versum

Bei den Rittern der Schlaraffia wird in aller Ernsthaftigkeit gealbert

jab Lüneburg.

Die Burg ist gut versteckt. Der Eingang liegt im hintersten Winkel eines Hinterhofs. Die Ritter sind ebenfalls gut getarnt. In ihren Anzügen und Krawatten sehen sie aus wie Rechtsanwälte, Kaufleute, Professoren. Im richtigen Leben sind sie das auch. Aber das richtige Leben wird vor den Toren der Burg, die eigentlich ein großer Klubraum ist, abgegeben. Wenn die Ritter des Reyches "Schlaraffia auf der Heide" zusammenkommen, wird das Universum zum Uhu-versum. Einmal in der Woche halten die Schlaraffen ihre Sippungen, so nennen sie ihre Zusammenkünfte, ab. Bei der 1000. hat die LZ mitgesippt.

Viele auswärtige Ritter sind zum Jubiläum in die Ilmenau-Burg eingeritten. Einer sogar aus dem fernen Reych Am Erlenanger - Erlangen. Er hört, passend, auf den Namen Träwelix. Der erste Weg führt ihn zum Uhu. Ehrerbietig verbeugt er sich vor dem Wappentier der Schlaraffia und ruft "Uhu".

Mittlerweile haben die Ritter ihre Rüstungen angelegt: einen Umhang und als Helm eine Mütze, die an die Hüte rheinischer Karnevalisten erinnert. Die Schwerter und Hellebarden, die überall herumstehen, sind nur Zierde - in der Burg wird allenfalls mit Worten gefochten.

Die Sippung beginnt nach strengem Ceremoniale: Ritter Glühwürmchen vom Goldenen Boden, einer von drei Oberschlaraffen, wird mit der Unfehlbarkeit behaftet, indem ihm der Truchsess den Aha, einen Holz-Uhu, um den Hals hängt. Von nun an ist er Seine Herrlichkeit, er heißt den Marschall, das Tamtam zu rühren, einen Gong, und so die Sippung zu eröffnen.

Die Umgangsformen der mittelalten Herren stammen aus dem Mittelalter: Man trinkt, besser: labt, aus robusten Kelchen, spricht sich im Pluralis Majestatis an: "Eure Herrlichkeit, Ihr seid erleuchtet."

Die auswärtigen Gäste werden begrüßt und aus dem Ehe, dem Weinkelch, gelabt. Seine Förmlichkeit, Ceremonienmeister Ritter Aero-phil der Marco-polige, ruft sie einzeln auf. Jedem schallt das "Lulu" entgegen, schlaraffischer Gruß und Zustimmung. Es wird noch viel lulut werden an diesem Abend. Dann das Begrüßungslied: "Finst'rer Profanei zum Neide, blüht Schlaraffia auf der Heide . . ." Die Profanei hat hier wirklich nichts zu suchen. Politik, Religion und Beruf sind Tabu-Themen während der Sippung, stattdessen wird in aller Ernsthaftigkeit gealbert.

An der Junkertafel sitzen die Prüflinge: Knappen, die statt Namen Nummern tragen, Junker, die mit ihren Vornamen angesprochen werden. Bevor sie den Ritterschlag erhalten, müssen sie lernen, der Profanei abzuschwören: "Man kann das Spiel nicht spielen, wenn das Ego davor steht", sagt Ritter Glühwürmchen, profan Klaus Linke. Das Ceremoniale endet mit dem Schnorrlied. Währenddessen geht der Säckelmeister mit dem Kneifbeutel um und sammelt. Mit Tamtam und Lulu geht es in die Schmuspause.

Es folgt der formlosere Teil der Sippung. Jetzt wird gefechst, soll heißen, die Schlaraffen geben mehr oder weniger geistreiche Beiträge zum Besten. Zum Jubiläum heißt das Thema: Zwerge. Der Hofnarr der Reyches Auf der Heide, in der Profanei ein Pastor, hat mittlerweile seine Narrenkappe gegen eine rote Zipfelmütze getauscht.

Oberschlaraffe Il Callotto, Verweser des Zwergenarchivs, trägt vor: Zwerge hätten den Ägyptern mit der Kreiszahl Pi ausgeholfen und so den Bau der Pi-Ramiden ermöglicht. Aero-phil meldet sich zu Wort: "Forscher haben jetzt festgestellt, wer mit frühen Höhlenmalereien dargestellt wurde: Pi-Pi Langstrumpf." Es geht geistreicher, aber auch geistloser.

Die Reychskapelle spielt ein Zwergenlied. Zur Belohnung gibt es drei donnergewaltige Lulus und einen Ahnen, begehrte Trophäe aller Schlaraffen: ein billiges Blechabzeichen zum an den Hut stecken - an manch Helm ist schon kein Platz mehr.

Junker Stephan fechst: Er verfehlt das Thema. Junkermeister Ritter Pitoresk wird zur Kasse gebeten. Er hat vorher die Fechsungen der Junker zu prüfen. "Schließlich können Prüflinge selbst noch nicht denken", erklärt Ritter Infomahn, der Kantzler.

Hin und wieder schleicht sich die Welt ins Uhu-Versum. Einige der Ritter haben ihre Rösser falsch angebunden, sie versperren der Profanei die Ausfahrt. Dann wird weitergefechst bis zum Schlusslied und der Verabschiedung der eingerittenen Reyche, dem Schlusslied mit dem Schlaraffenschwur: ". . . bis zum letzten Atemzug lasst uns Schlaraffen bleiben."

Tamtam, Lulu - und aus Rittern werden wieder Rechstanwälte, Kaufleute, Professoren. Bis zur nächsten Sippung.

Zitat

"Es geht darum, im Freundeskreis den Alltag zu vergessen, das Kind im Manne spielen zu lassen und auf seinem Steckenpferd daherzureiten. Man muss Sinn für Unsinn haben, sich einer heiteren Satzung mit Vergnügen fügen und sich selbst nicht gar so wichtig nehmen."
(Ritter Aristos, Gründer des Reyches Auf der Heide)

Persiflage seit 1860

Hintergrund

Nur eine kleine weiße Perle am Revers verrät die Schlaraffen in der profanen Welt, und das rund um den Globus. Entstanden ist der Männerbund 1860 in Prag. Schauspieler des dortigen Deutschen Theaters fanden sich zusammen und persiflierten in ihrem Spiel Herrschaftsstrukturen der damaligen Monarchie.

Die Regeln des Spiels sind auf der ganzen Welt die gleichen, die Sprache bei den Sippungen ist überall das Deutsch des Mittelalters. Verbindend sind die Maximen: Freundschaft, Kunst und Humor. Gesippt wird einmal in der Woche in der Zeit von Oktober bis April - eine Winterung.

Seit der Gründung der Schlaraffia haben sich weltweit über 400 Reyche mit derzeit etwa 12 500 Mitgliedern gegründet. Das nördlichste in Stockholm, das südlichste in Buenos Aires. Das Reych "Auf der Heide" besteht seit 1969 und hat derzeit 33 Mitglieder zwischen 37 und 81 Jahren. Sippungstag auf der Ilmenau-Burg, Lüner Weg 4, ist Dienstag, "Glock acht am Abend", also 20 Uhr.

Informationen gibt der Kantzler Ritter Infomahn, bürgerlich Klaus Suhr, unter Tel.: 04131/4 25 86. jab

Veröffentlicht in der Landeszeitung für die Lüneburger Heide am 23.02.2002
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Orginal

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