Torsten Broder und Rolf Mentz gehören einer Vereinigung an, die 1859 von Künstlern in Prag gegründet wurde; der Schlaraffia.  Rund 11.000 männliche Schlaraffen frönen noch heute weltweit in einem mittelalterlich anmutenden Ritterspiel der Kunst,         der Freundschaft und dem Humor. In Lüneburger feiert die Schlaraffia im kommenden Jahr ihr 50-jähriges Bestehen.
 

Quelle: quadrat 05 / 2018  !  lüneburg

Ich steige einmal ganz harmlos ein, bevor wir uns unserem eigentlichen Thema widmen: Herr Broder, was brachte Sie nach Lüneburg? Torsten Broder: Ich bin in Mecklenburg geboren und kam 1956 als Flüchtling nach Baden Württemberg. Das Gymnasium absolvierte ich in Freiburg und ging anschließend freiwillig zum Militär nach München, wo ich die Laufbahn des Berufsoffiziers einschlug. Nach 36 Jahren schied ich durch meine Zur-Ruhe-Setzung beim Militär aus. Als Vorsitzender der Jägerschaft machte ich schließlich mein Hobby zum Ehrenamt − bis 2017, seither engagiere ich mich als unabhängiger Berater beim Naturschutzverband. An der Grundschule in Barum gebe ich zudem seit zwei Jahren einen Kurs mit dem Namen „Lernort Natur“. Jeden Mittwoch gehe ich mit Erst- und Zweitklässlern in die Landschaft, erkunde alles, was kreucht und fleucht. Eine Sache, die mir unglaublich viel Spaß macht und eben so viel Lebensqualität beschert.
Herr Mentz, Sie sind Sportdiplomer, Historiker und Oberstudienrat i. R. Lassen auch Sie einmal die wichtigsten Stationen Ihres Lebenslaufes Revue passieren.
Rolf Mentz: Ich bin ein Lüneburger Urgestein, habe hier meine Kindheit und Jugend verbracht und am Johanneum mein Abitur gemacht. Nach der Bundeswehr ging es zum Sport- und Geschichtsstudium nach Köln, nach erfolgreichem Abschluss trat ich in den Referendardienst in Oldenburg ein. Bis zu meiner Pensionierung trieb ich mit einer kurzen Stippvisite in Bad Bederkesa mein pädagogisches Unwesen im Großraum Oldenburg. Aus erster Ehe gingen meine beiden Kinder Oliver und Milena hervor. Ein Wiedersehen mit meiner Heimatstadt bescherte mir meine zweite Frau, meine Schülerliebe aus dem Johanneum. Nachdem wir uns wieder begegnet waren, besannen wir uns auf das Umfeld, in dem wir uns kennengelernt hatten, und zogen 2008 gemeinsam nach Lüneburg zurück.
… und dann war da noch das Filmprojekt mit dem Titel „Die Stadt des Weißen Goldes.“ Rolf Mentz: Nachdem ich nach gut 40 Jahren in meine Heimatstadt zurückgekehrt war, hatte ich das Bedürfnis, Lüneburg neu zu entdecken. Schnell war die Idee geboren, dies in Form eines Films zu tun. Mein Freund Bodo war zuständig für den
 gesamten technischen Bereich, ich habe alles 

andere übernommen. Wobei „alles andere“ bedeutete, dass ich gleichzeitig als Historiker die gesamte Recherche übernahm, Texte schrieb und als  Sprecher fungierte, die Regie und gleichzeitig auch das Layout übernahm. Wie viel Arbeit da auf uns zukommen würde, ahnten wir damals noch nicht, sonst hätten wir nicht im Traum daran gedacht, dieses Projekt zu realisieren. Teilweise waren wir 12 bis 15 Stunden pro Tag für den Film unterwegs. Erschienen ist dieses filmische Stadtporträt 2012 in einer Auflage von 2.000 Stück. Einige wenige Exemplare sind noch heute bei der Tourist Info erhältlich. Im Augenblick schreibe ich an der Geschichte des Forsthauses Rote Schleuse. Über ein Jahr habe ich recherchiert, 14 Wirte kann ich bis dato nachweisen. Die Geschichten werden von mir nun soweit zusammengefasst, dass daraus ein lesbares Buch entsteht, das wohl in 2020 als gedruckte Version erhältlich sein wird.
Was Sie beide verbindet, ist eine gemeinsame Passion: die Mitgliedschaft bei der Schlaraffia. Ein Service-Club, Geheimbund oder doch eher eine Karnevalsgesellschaft? Rolf Mentz: Weder noch. Um eine Idee davon zu erhalten, was die Schlaraffia ist, muss man bei den Wurzeln beginnen: 1859 wurde sie in einer der großen europäischen Kulturhauptstädte – in Prag − von Künstlern aller Disziplinen gegründet. Diese durften zwar die Herrschaften bespaßen, ihr gesellschaftlicher Status jedoch war gering. Die
 Liberalisierung des 19. Jahrhunderts bot den
Nährboden für die Gründung eines Bundes. Und da man ja weiß, dass nicht nur kleine, sondern auch große Jungen gerne spielen, ersann man ein Spiel, das sich zum einen am Mittelalter orientierte, indem man sich die Ritterspiele zum Vorbild nahm. Zum anderen persiflierte man die damalige Gesellschaft. Es wurden Spielregeln geschrieben, ein Regelwerk verfasst, eine eigene Sprache − das Schlaraffenlatein − sowie eine schlaraffische Zeitrechnung etabliert. Ein Paralleluniversum zum „profanen Leben“ war so entstan
den. Die Künstler nahmen Engagements in anderen Städten an und trugen den Gedanken der Schlaraffia in die Welt. Torsten Broder: Das Wort Schlaraffe leitet sich von dem mittelhochdeutschen Wort „Slur-Affe“ ab, was soviel wie „sorgloser Genießer“ bedeutet. Heute gibt es rund 11.000 Mitglieder weltweit. Prämisse für eine Aufnahme ist es, die deutsche Sprache zu sprechen − ganz gleich auf welchem Kontinent.
Politisches, Berufliches und Religion sind Tabu. Stattdessen sind Freundschaft, Kunst und Humor die Säulen, auf denen die Vereinigung fußt.
Rolf Mentz: Unser „Spiel“ ist ein anspruchsvolles, denn es findet auf geistiger Ebene statt − in Form von musikalischen oder poetischen Beiträgen, in Form eines Vortrags oder humorigen Schwanks. Es gibt so vielfältige Möglichkeiten, sich in einer gehobenen Unterhaltung − je nach persönlicher Vorliebe − dem anderen mitzuteilen. Das Hineinschlüpfen in eine mittelalterlich geprägte Rolle dient dazu, aus dem profanen Alltag heraus- und in eine andere, entschleunigte Welt einzutreten. Torsten Broder: Einer unserer Sinnsprüche lautet
„in arte voluptas“ – „In der Kunst liegt das Vergnügen“. Das bedeutet, dass wir uns der unterschiedlichsten Facetten der Kunst bedienen. Wer sich zu Wort melden möchte, bekommt den güldenen Ball überreicht, der ihm das Recht zugesteht, das Wort zu ergreifen. Jeder Beitrag wird mit Applaus honoriert, die Schlaraffen sind bekannt für ihre Toleranz. Rolf Mentz: Freundschaft wiederum ist ein Wert, dem bei der Schlaraffia eine große Bedeutung beigemessen wird. Ich habe bisher nirgendwo sonst so viele liebenswerte Menschen kennengelernt wie hier.
Vordergründig geht es um den niveauvollen Austausch, aber auch um den Genuss. Wie kann man sich die wöchentlichen Zusammenkünfte − Sippungen genannt − vorstellen? Rolf Mentz: Ohne die Kürung der drei Oberschlaraffen kann eine Sippung nicht beginnen. Sind diese auserkoren, werden sie mit der Amtskette ausstaffiert und besteigen gemeinsam den Thron. Der Marshall schreibt das Protokoll des Abends, der Kanzellar verwaltet die Amtsgeschäfte des „Reyches“ und des Vereins. Zu Beginn wird das Begrüßungslied gesungen, anschließend werden die Gäste begrüßt. Das Protokoll wird verlesen, der Kanzellar trägt seine Amtsgeschäfte vor, es gibt Ehrungen, so jemand beispielsweise Geburtstag hat. Anschließend gibt es etwas zu essen und zu trinken. Torsten Broder: Für jeden Sippungsabend wird ein Thema vorgegeben, das könnte beispielsweise „die blaue Blume“ heißen, oder „die blaue Kerze der Freundschaft“. Jeder hat nun die Möglichkeit, sich im Vorfeld mit diesem auseinanderzusetzen und seinen kulturellen Beitrag vorzubereiten. Und damit es keine bierernste Angelegenheit wird, verstehen wir es vortrefflich, uns auch selbst auf den Arm zu nehmen. „Zum Glück gehört der Unsinn“, sagte schon Nietzsche. Unsere Ambition ist es, Unsinn mit Niveau zu machen.
 

Rolf Mentz: Das Schöne ist ja, dass man auf diese Weise immer wieder neue Anstöße erhält, sich mit neuen Themen auseinanderzusetzen. Man bildet sich kontinuierlich weiter.
Das klingt ganz so, als gäbe es doch eine Verbindung zum Märchen des Schlaraffenlandes. Rolf Mentz: Das ist in der Tat so. Wir liegen zwar nicht unterm Baum und warten darauf, dass uns die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Doch versuchen wir, uns während unserer wöchentlichen Sippung einige Stunden des Müßiggangs zu gönnen, Stunden, die durchaus auch verbunden sind mit dem leiblichen Wohl. Das Streben nach Zufriedenheit ist nichts Materielles, sondern etwas Ideelles. Torsten Broder: Wir sprechen daher auch vom Schlaraffenland des Geistes, da wir all jenes zelebrieren, woran der Geist sich laben kann.
Bier und Wein werden Quell und Lethe genannt, das Festgewand ist die Rüstung, ein PKW wird zum Benzinross, und wer das Zeitliche segnet, reitet gen Ahall. Zudem erhält jeder Schlaraffe
 einen Namen. Torsten Broder: Ich bin zur Zeit der Hofnarr, mein Rittername lautet „Grieptoo der auf den Hund gekommene“ (Plattdeutsch für „greif zu …“). Rolf Mentz: Mein Rittername lautet „Clioratos der Charme-Mützelige“, eine Wortschöpfung, in der sich zwei der neun Musen aus der griechischen Mythologie wieder finden: Klio, die Muse der Geschichtsschreibung, und Erato, die Muse der Liebesdichtung.
Woran erkennt man einen Schlaraffen? Torsten Broder: Der weise Uhu mit dem zwinkernden Auge ist das Sinnbild der Schlaraffen, der sich mitunter auch auf den Krawatten oder als Aufkleber auf dem Auto wiederfindet. Das etwas dezentere Erkennungsmerkmal ist die Reversnadel mit der kleinen Perle, die Rolandnadel.
Weltweit gibt es rund 11.000 Mitglieder. Wie viele Mitglieder zählen Sie heute in Lüneburg? Torsten Broder: Der Lüneburger Verein, die „Schlaraffia auf der Heide“, zählt heute 42 Mitglieder. Im nächsten Jahr feiert unser Verein sein 50-jähriges Bestehen.
Nach wie vor sind die Treffen männlichen Mitgliedern vorbehalten. Damen sind zu bestimmten Anlässen willkommen. Rolf Mentz: Richtig, unsere Damen sind beispielsweise bei größeren kulturellen Veranstaltungen dabei. Das gleiche gilt für unsere Uhu-Baum-Feier, das ist unser Weihnachtsfest, und für das Sommerfest.
Wie erhält man Zugang zu den Schlaraffen? Torsten Broder: Die Schlaraffia steht jedem offen, gesellschaftliche Grenzen gibt es keine. Wer Interesse an der Schlaraffia hat, kann gerne zum Schnuppern in unsere „Burg“ in die Lüner Straße 4 kommen. Eine Anmeldung nehmen Rolf Mentz, Tel.: (04131) 2471607, ich, Torsten Broder, Tel.: (0171) 6812871 sowie unser Oberschlaraffe des Inneren, Eike Gräntzdörffer, Tel. (04178) 8998770 gerne entgegen. Erste Informationen über die Schlaraffia in Lüneburg findet man unter www.schlaraffia- auf-der-heide.de. Rolf Mentz: Wer erstmals dabei ist, wird als Pilger bezeichnet. Hat er sich entschieden, Mitglied zu werden, wird er zum Prüfling ernannt. Stimmt die „Chemie“, findet nach einiger Zeit eine so genannte Kugelung statt. Die Mitglieder (Sassen) ent
scheiden in demokratischer Abstimmung mit weißer oder schwarzer Kugel, ob der Prüfling in den Kreis der Schlaraffen aufgenommen werde soll. Erklimmt er die nächste Stufe, ist er Knappe − Sie sehen, es sind alles typische Begriffe aus dem Mittelalter. Nach dem Ablegen einer symbolischen Prüfung wird er zum Junker, final folgt in einer feierlichen Zeremonie der Ritterschlag. Torsten Broder: Wir treffen uns ausschließlich in der so genannten Winterung, also vom 1. Oktober bis 30. April. Ein schlauer Kunstgriff der Erfinder, denn wer will schon im Sommer, wenn der Biergarten ruft, im Anzug oder in der Ritterrüstung zu den Treffen gehen?
Auf welchem Weg kamen Sie selbst zu der Schlaraffia? Torsten Broder: Vor 28 Jahren wurde ich von einem Schlaraffen angesprochen. Er fragte, ob ich nicht Interesse hätte, neben meinem Beruf als Soldat
etwas völlig anderes zu machen. Meine erste Sippung fand ich schräg − und toll. Seit 1989 bin ich nun selbst Schlaraffe und ich kann sagen: Dies ist für mich der zweitwichtigste Gewinn nach meiner Ehe! Rolf Mentz: Auch ich musste überredet werden: von einem Lehrer meiner Kinder. Ernst genommen habe ich den Verein anfangs nicht, doch bin ich dort auf sehr nette Menschen getroffen, mit denen ich weiter im Kontakt bleiben wollte. Und so bin ich nun mittlerweile auch seit 21 Jahren begeisterter Schlaraffe. (nf)
 

1859 WURDE DIE SCHLARAFFIA IN EINER DER GROSSEN EUROPÄISCHEN KULTUR- HAUPTSTÄDTE – IN PRAG − VON KÜNSTLERN ALLER DISZIPLINEN GEGRÜNDET

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Rolf-Dieter Mentz geboren 1944 in: Lüneburg Beruf: Gymnasiallehrer i. R.
 

Torsten Broder geboren 1952 in Mecklenburg Beruf: Berufssoldat a. D.
 

Auf der Heide